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Superwash oder nicht? Meine Gedanken zu filzfreier Wolle

Superwash ist so ein Wort, das bei uns Wollmenschen einfach rumschwirrt. Irgendwie selbstverständlich. Ich merke aber immer wieder, wie wenig wir eigentlich darüber reden, was dahinter steckt. In der Folge mit Steffi sind wir da ziemlich tief reingegangen. Chemie, Enzyme, Plasma. Und mittendrin ganz praktische Fragen wie "Welchen Waschgang drücke ich jetzt eigentlich?".

Warum Wolle überhaupt filzt

Bevor wir über Superwash reden, mussten wir uns erst mal klar machen, was Wolle eigentlich macht. Also so richtig auf Faser-Ebene. Die Wollfaser hat außen eine Schuppenschicht, die Cuticula. Flache, überlappende Zellen, wie Dachziegel, von der Wurzel zur Spitze ausgerichtet. Das kennst du von Haar-Werbung, nur ohne Glitzereffekte.

Diese Schuppen sind der Grund, warum Wolle filzt. Solange die Fasern schön parallel liegen, ist die Reibung gering. Sobald sie sich kreuzen oder quer liegen, verhaken sich diese Schuppenkanten ineinander. Dazu kommen die perfekten Filz-Bedingungen in der Waschmaschine, sage ich mal. Hitze, Bewegung in der Trommel und eine Lauge. Temperaturwechsel zwischen Waschen und Spülen, dazu Schleudergänge. Wenn das einmal richtig verfilzt ist, ist Ende. Da entfilzt du nichts mehr.

Gleichzeitig hat Wolle noch dieses Spannende mit hydrophob und hydrophil. Innen der Kern wasserliebend, außen eigentlich wasserabweisend. Das erklärt später noch einiges bei den Behandlungen und beim Färben. Steffi und ich fanden das beide wieder sehr deutlich in der Vorbereitung.

Das klassische Superwash Herkosett-Verfahren

Wenn wir von Superwash reden, meinen wir fast immer das Chlor-Herkosett-Verfahren. Entwickelt wurde das schon in den frühen 70ern. Also nichts Neues, sondern etwas, das seit Jahrzehnten die Branche prägt. Auf den Banderolen erkennst du das meistens an "SW" hinter der Faserangabe.

Der Ablauf in Kurzfassung. Erst kommt eine Chlorbehandlung. Entweder mit Chlorgas und Wasser oder mit angesäuerten Lösungen, alles sehr chemisch. Ich bin ehrlich, ich war in Chemie super schlecht, deshalb bleibe ich da bewusst an der Oberfläche. Wichtig ist, die Keratin-Oberfläche wird chemisch verändert, die Schuppen werden angegriffen oder abgetragen. Gleichzeitig wird die Faseroberfläche hydrophil. Das heißt, sie nimmt Wasser schneller auf. Fürs Färben ist das ein Riesenthema, weil die Farbe, die im Wasser gelöst ist, viel schneller und tiefer in die Faser geht.

Nach der Chlorierung braucht es eine Antichlor-Behandlung. Die Faser ist ja voll mit Chlor, das will niemand auf der Haut. Also wird mit einer alkalischen Sulfid-Lösung gearbeitet, um das wieder rauszubekommen. Filzfrei ist die Faser an dem Punkt eigentlich schon, aber noch nicht stabil. Durch Waschen und Trocknen könnten die veränderten Proteine wieder rausgelöst werden und dann würde das Garn doch wieder filzen.

Deshalb kommt zum Schluss der Kunstharz-Überzug. Ein Polyamid-Epichlorhydrin-Harz, also ein Kunstharzfilm, der auf die Faser aufgebracht wird und aushärtet. Im Schnitt so ein bis zwei Prozent des Fasergewichts. Die Schuppenkanten liegen dann unter diesem Film begraben, die Fasern können sich nicht mehr verhaken. Und die Wolle fühlt sich weicher an, weil die kratzigen Schuppen weg sind oder überdeckt werden.

Die Vorteile sind erst mal klar. Filzfrei, pflegeleichter, maschinenwaschbar (bitte trotzdem im Wollwaschgang), weicher, leichter zu färben und im Vergleich zu anderen filzfreien Behandlungen relativ kostengünstig. Steffi und ich haben aber beide gemerkt, dass die Sache damit nicht durch ist.

Nachteile von Superwash aus meiner Sicht

Mich hat die Nachhaltigkeitsdebatte um Superwash damals ziemlich beschäftigt. Also so richtig, auch weil ich da lange in meiner eigenen Unwissenheit unterwegs war. Viele von uns haben Superwash gekauft, gefärbt, verkauft, ohne genau zu wissen, was da passiert.

Wenn man anfängt zu lesen, stößt man schnell auf Aussagen, dass dieses Kunstharz angeblich abbaubar sei, kompostierbar und so weiter. Dann liest du wieder von Wollchemikern, die sagen, dass der Abbau bestimmte Prozesse hemmen könnte. Da prallen Aussagen aufeinander. Für mein Verständnis fühlt sich das schwierig an. Wie soll so ein Kunstharz auf der Faser komplett unproblematisch sein? Ich glaube das ehrlich gesagt nicht.

Der größere Knackpunkt ist für mich aber das Drumherum. Abwasser, Chemikalien, Filtration. Steffi hatte da Zahlen zu den Abfallmengen und Kosten der Entsorgung bei 1000 Tonnen Wolle rausgesucht. Allein das zeigt schon, was da im Hintergrund an chlorhaltigen Laugen, Kunstharz und Schlamm anfällt. Dazu kommen AOX, diese absorbierbaren organisch gebundenen Halogene, die entstehen, wenn Chlor mit Wollbestandteilen reagiert. Da gibt es Hinweise auf gesundheitliche Auswirkungen bis hin zu kanzerogen, also krebsauslösend. Ein Teil landet im Abwasser, ein möglicher Teil bleibt als Rückstand in der Wolle.

Spannend ist in dem Zusammenhang, dass Superwash-Wolle ein Ökotex-Siegel haben kann. Dann wurde zumindest getestet, ob solche Rückstände auf dem Produkt sind. GOTS geht mit Herkosett gar nicht, das schließt sich aus. Für mich bleibt aber auch mit Siegel die Grundfrage, was in der Produktion selbst passiert.

Dazu kommt noch: Die ursprünglichen Wolleigenschaften werden eingeschränkt. Die wasserabweisende Oberfläche wird hydrophil, der Temperaturausgleich leidet, der Memory-Effekt der Faser geht runter. Superwash-Garne leiern schneller aus, haben weniger Federkraft und neigen mehr zu Pilling. Dazu gibt es auch die Beobachtung, dass sie eher vergilben können. Steffi hat das beim Tragegefühl selbst stark gemerkt. Non-Superwash auf der Haut, über längere Zeit, ist einfach anders.

Enzymverfahren als Alternative

Ein spannender Gegenpol ist das Enzymverfahren. Proteolytisches Verfahren, biotechnologisch. Die Wolle wird hier mit Protease-Enzymen behandelt, also Enzymen, die Proteine abbauen. Bildlich gesprochen knabbern die die Schuppenstruktur an der Oberfläche an, damit sich die Fasern weniger verhaken.

Das Ganze ist sensibel. Wenn du es falsch machst, fressen dir die Enzyme die ganze Faserstruktur weg, dann ist die Wolle zerstört. Aber wenn es gut gemacht ist, brauchst du keine Chlorchemie und keinen Kunstharzüberzug. Die Enzyme sind natürlich vorkommende Proteine, es entsteht kein belastetes Abwasser wie beim Herkosett, und es wird weniger Wasser benötigt.

Für uns im Garnbereich ist interessant, dass die Wolleigenschaften im Großen und Ganzen erhalten bleiben. Der Wollcharakter bleibt, Temperaturregulation, Feuchtigkeitsmanagement, all das ist noch da. Pilling ist geringer als bei Superwash, AOX spielen keine Rolle, weil eben kein Chlor eingesetzt wird. Steffi hatte sogar schon Garne mit Enzymbehandlung im Shop und überlegt, das wieder stärker aufzugreifen. Ich merke auch, wie mich solche Alternativen inzwischen mehr anziehen.

Nachteile gibt es natürlich auch. Die Behandlung ist teurer als Superwash und wird deshalb noch nicht so breit eingesetzt. Und die Filzfreiheit ist nicht ganz so "unkaputtbar" wie beim Herkosett-Verfahren. Also auch hier gilt, und da sind wir beide sehr deutlich, Wollwaschgang, kalt, geeignetes Wollwaschmittel. Dann kannst du auch Non-Superwash gut waschen, aber das Restrisiko ist eben etwas höher als bei der vollen Chemiekeule.

Plasmaverfahren ohne Wasser

Was uns beide wirklich überrascht hat, war das Plasmaverfahren. Ein physikalischer Ansatz, der ohne Wasser und ohne klassische Chemikalien auskommt. Zum Beispiel wird es bei der Südwolle Group eingesetzt, eher im Bekleidungsbereich, also fertige Textilien, nicht unbedingt als Garn, soweit wir gesehen haben.

Plasma ist hier ein Gasgemisch, in dem durch elektrische Entladungen ein Teil der Teilchen ionisiert wird. Diese geladenen Teilchen greifen die Faseroberfläche an. Die Wolle kommt in eine Kammer, das Gasgemisch wird eingeleitet, und über elektrische Entladungen entsteht dieses Plasma. Dadurch werden die Oberflächenlipide, also vereinfacht gesagt die Schuppen, verändert oder abgetragen. Interessant ist, dass die Faseroberfläche auch hier hydrophiler wird, also wieder wasseranziehender. Das erinnert an die Chlorbehandlung, nur ohne die gleiche chemische Last.

Vorteile liegen auf der Hand. Kein Wasserverbrauch für die Behandlung, keine chlorhaltigen Abwässer, keine Kunstharze, GOTS-Zertifizierung ist möglich. Pilling soll kein großes Thema sein, und fürs Färben ist die hydrophilere Oberfläche auch wieder spannend. Der Haken ist, wie so oft, die Praxis. Das Verfahren braucht natürlich Energie, und im industriellen Maßstab ist es bisher nur in kleinen Bereichen im Einsatz. In der Garnwelt habe ich es bewusst noch nicht gesehen. Und auch hier ist die Filzfreiheit nicht ganz auf dem Level von Herkosett.

Was ich mir wünsche Transparenz und Druck von unten

Wenn ich mir das alles so anschaue, lande ich immer wieder beim gleichen Punkt. Mir fehlt Transparenz. Es ist nicht kennzeichnungspflichtig, ob eine Wolle Superwash-behandelt ist, enzymatisch ausgerüstet wurde oder durch Plasma lief. Man kann alles weglassen und einfach nur "Schurwolle" draufschreiben. Gerade die, die den aufwendigeren, umweltfreundlicheren Weg gehen, könnten das eigentlich selbstbewusst zeigen.

Steffi und ich haben beide den Eindruck, dass im Garnbereich schon mehr kommuniziert wird als bei fertiger Kleidung. Aber auch da ist noch Luft nach oben. Ich selbst habe bei meinen Sachen immer versucht, klar zu machen, was wie behandelt ist. Und ich merke, wie wichtig es ist, dass Kundinnen und Kunden anfangen, nachzufragen. Einfach mal eine Mail an den Hersteller. Wo kommt die Faser her, wie werden die Tiere gehalten, welche Behandlung wird eingesetzt. Ich nehme mich da selbst nicht aus, ich bin da auch oft bequem.

Vielleicht ist das so ein Feld, wo wir als kleine Betriebe und als Szene noch ein paar Prozent besser werden können. So wie bei mir zu Hause in Berlin mit der Mülltrennung. Es ist nicht verpflichtend, aber wir machen es jetzt trotzdem konsequent. Kleine Schritte, jedes Jahr ein bisschen mehr. Bei der Wolle fühlt es sich gerade auch so an.

Wenn du tiefer in die Details, Zahlen und Seitenpfade dieser Folge einsteigen willst, hör dir die komplette Episode an. Du findest sie hier Superwash und andere filzfrei-Behandlungen von Wolle, fairewolle Podcast Folge 22.

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