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Seide zwischen Faszination und Tierwohl

Also, Seide fand ich früher einfach nur edel. Majestätisch. Ich habe gar nicht so drüber nachgedacht, was da eigentlich dahintersteckt. In meiner Shop-Zeit hatte ich Kontakt zu einer Frauenkooperative in Indien, es ging um Seide, Proben, Haptik, solche Sachen. Und vieles von dem, was ich heute über Seide weiß, wusste ich damals einfach nicht.

In der Podcast-Folge haben Steffi und ich Seide einmal komplett auseinander genommen. Von Maulbeerseide über Wildseiden bis zu Restfasern und recycelten Saris. Und natürlich auch die Frage, was das alles mit Tierwohl zu tun hat.

Was Seide überhaupt ist

Seide ist eine tierische Faser. Sie kommt nicht vom Fell, sondern von Schmetterlingen, genauer von deren Raupen. Die Raupen spinnen den Kokon, dieser Kokon ist der Seidenfaden.

Spannend ist, dass Maulbeerseide das einzige natürlich vorkommende textile Filament ist, also ein Endlosfaden. Du fängst den Faden am Anfang vom Kokon, wickelst ab, und hast im Idealfall einen ewig langen, durchgehenden Faden. Die Faser besteht aus Protein.

Eigenschaften, die Seide mit Schafwolle teilt, haben wir im Gespräch auch gestreift. Temperaturausgleichend, isolierend gegen Kälte und Wärme, kann bis zu einem Drittel des Eigengewichts an Wasser aufnehmen, knittert wenig. Dazu kommt der typische, starke Glanz und eine hohe Festigkeit. Deswegen wird Seide auch als Ersatz für Polyamid in Sockenwolle genutzt. Farben wirken auf Seide besonders brillant, wegen Glanz und Oberfläche. Empfindlich ist sie bei hohen Temperaturen, Abrieb und Wasserflecken.

Noch ein kleiner Sprach-Nerd-Moment, den wir hatten Seiden heißt aus Seide, seidig heißt erinnert an Seide. Also seidig glänzend kann auch Lyocell sein, aber eben nicht aus echter Seide bestehen.

Maulbeerseide und die harte Schattenseite

Maulbeerseide war für mich früher gleichbedeutend mit Seide, ich kannte nichts anderes. Das ist Zuchtseide, also von domestizierten Seidenspinnern, dem Maulbeerseidenspinner, Bombix mori. Die Raupen ernähren sich von Maulbeerblättern, daher der Name.

Unsere romantische Vorstellung war erst so Maulbeerbäume, Raupen im Baum, alles ein bisschen naturig. In der Realität sitzen die Raupen in großen rechteckigen Holzrahmen mit Netzboden, zu Tausenden. Man wirft ihnen Blätter rein, sie fressen, wachsen, verpuppen sich.

Wenn die Kokons da sind, kommt der Teil, den viele nicht im Kopf haben. Damit man den Endlosfaden unbeschädigt abhaspeln kann, dürfen die Raupen nicht schlüpfen. Die Kokons mit den Puppen kommen in kochendes Wasser oder Wasserdampf, die Tiere werden getötet. Erst dann werden die Kokons im Wasserbad abgehaspelt, meist drei bis acht Kokons gleichzeitig, die Fäden laufen durch ein Öhr, der natürliche Seidenleim klebt sie zu einem etwas dickeren Faden zusammen. Das Ganze nennt sich dann Grège, Haspelseide.

Damit sind wir bei der harten Wahrheit Seide ist die einzige Faser, bei der Tiere ganz bewusst für die Faser sterben. Für 250 Gramm Seidenfaden braucht man ungefähr 3000 Kokons. Für ein Sommershirt mit 200 bis 300 Gramm kommen da eben schnell 3000 Raupen zusammen, die ihr Leben lassen.

Dazu kommen Probleme im Hintergrund der Maulbeeranbau als Monokultur, hoher Wasser- und Pestizideinsatz. Bessere Anbausysteme können das ökologischer machen, aber an der Frage, ob das ethisch vertretbar ist, ändert das nichts.

Steffi und ich sind beide keine kompletten Gegner von Seide. Wir sehen aber die Masse als Problem. Vor allem, wenn Seidenartikel immer billiger werden, fragt man sich, auf wessen Kosten das passiert und was da im Hintergrund gedreht wird.

Etwas versöhnlich fanden wir zwei Dinge zum Umgang mit Maulbeerseide Die Tötung im sehr heißen Wasser dürfte extrem schnell gehen, also eher Sekundenbereich. Und die Larven sind kein reiner Abfall. Sie werden entweder vom Menschen gegessen oder als Tierfutter genutzt. Ich habe Seidenraupen im Thai-Park in Berlin gegessen, nussig, ein bisschen wie cremige Erdnussbutter. Wenn aus einem toten Tier nicht nur die Faser, sondern auch Nahrung entsteht, ist das für mich ein anderer Punkt als Pelztiere, die nur für Fell getötet werden und deren Fleisch dann weggeworfen wird.

Friedenseide und Wildseiden als Alternativen

Wir haben dann geschaut, was es abseits der Maulbeerseide gibt. Da wird es echt spannend.

Friedenseide oder Ahimsa-Seide kommt vor allem aus Indien. Ahimsa heißt dort Gewaltlosigkeit oder Nichtverletzung. Die Raupen, vermutlich auch Maulbeerseidenspinner, dürfen schlüpfen. Entweder ganz natürlich, oder der Kokon wird kurz vor dem Schlupf vorsichtig geöffnet und der Falter befreit. Das Seidenfilament ist damit zerstört, man hat keine Endlosfäden mehr, sondern kürzere Stücke. Die Verarbeitung ist aufwendiger und teurer, bietet aber in Indien vielen Menschen ein sicheres Einkommen. Wenn das Ganze als Bio läuft, gibt es teilweise auch KbT oder GOTS-Zertifizierungen, das wird von den Betrieben so angegeben.

Tussarseide war für mich damals die erste echte Alternative. Eine Kundin hatte mich auf wilde Seide gebracht. Ich bin dann bei meiner Recherche auf Tussar-Seide gestoßen und wieder bei einer Frauenkooperative in Indien gelandet, die mir Proben geschickt hat. Die Haptik war deutlich gröber als bei Maulbeerseide, matter, unruhiger, rustikaler. Ich fand das total spannend. Tussarseide kommt vom Eichenseidenspinner, einer Wildseide. Die Raupen lassen sich nicht domestizieren, man sammelt die Kokons erst, nachdem die Falter geschlüpft sind. Dadurch sind die Fasern kürzer und die Struktur unregelmäßiger. Ich mag genau das, dieses nicht Perfekte, den rustikalen Look.

Eri-Seide tauchte in meinen Notizen als eher friedliche oder alternative Seide auf. Steffi hatte dazu den spannenden Punkt Eri-Seide ist die zweite Seidenart, die sich züchten lässt, neben Maulbeerseide, kommt vom Götterbaumspinner. Der spinnt aber von vornherein nur kurze Faserstücke, kein Endlosfilament. Die Qualität ist niedriger als bei Maulbeerseide, die Verarbeitung aufwendiger, wirtschaftlich oft nicht attraktiv, deswegen gibt es da wenig.

Muga-Seide ist noch so ein Exot, eine Wildseide vom Muga-Seidenspinner mit von Natur aus goldiger Farbe. Die Raupen dürfen leben, die Seide wird eher im Handspinnbereich sichtbar. Genau wie viele dieser Spezialseiden überhaupt erst auftauchen, wenn man sich mit Spinnfasern beschäftigt.

Restfaser-Seiden und recycelte Seide

Sehr spannend fanden wir auch die Restfaser-Seiden. Da wird aus dem, was von der Maulbeerseidenproduktion übrig bleibt, nochmal Material gemacht.

Schappeseide wird aus den Kokonanfängen und -enden und fehlerhaften Kokons gewonnen. Die Faserlängen liegen so bei etwa 120 bis 200 Millimetern. Das gibt eine relativ glatte, glänzende, gleichmäßige Faser, eher die edlere Restfaser-Variante.

Buretseide ist dann sozusagen die Reste von den Resten. Sie entsteht aus Abfällen der Schappespinnerei, die Faserlänge liegt nur noch bei ungefähr 50 Millimetern. Das Garn wird matter, dicker, unregelmäßig, mit Noppen und rustikalem Look. Genau diese Optik mag ich persönlich sehr, natürlicher, weniger glatt.

Rein vom Material her ist das ressourcenschonender, weil mehr aus den vorhandenen Kokons genutzt wird. Aber klar, die Basis bleibt die gleiche Maulbeerseidenproduktion mit allen ethischen Fragen.

Richtig begeistert ist Steffi von Sari-Seide. Das ist recycelte Seide aus alten Seidensaris aus Indien. Kaputte oder verschlissene Saris werden wieder zu Fasern zerrupft, daraus entstehen neue Spinnfasern. Im Handspinnen macht das wohl richtig Spaß, weil im Garn farbige, glänzende Noppen auftauchen, die dem Faden Leben und Struktur geben. Und hier sind wir dann wirklich bei einem zweiten Leben für vorhandenes Material.

Und jetzt

Am Ende bleibt Seide für mich ein Thema, bei dem man genauer hinschauen muss. Es gibt diese wahnsinnig edle Maulbeerseide mit allen Schattenseiten. Es gibt Alternativen wie Friedenseide und Wildseiden, Restfaser-Seiden und recycelte Sari-Seide. Und wir stehen irgendwo dazwischen, mit unseren eigenen Grenzen und Kompromissen.

Wenn du tiefer einsteigen willst, hör dir die ganze Folge an. Wir sind da noch ein paar Mal abgebogen, haben Zahlen, Anekdoten und Links zu Videos gesammelt, die die Maulbeerseidenproduktion zeigen.

Hier kommst du zur Podcast-Folge Seide Arten Tierwohl und Co

Liebe Grüße
Daniel
fairewolle

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