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Responsible Wool Standard und Mulesing im Alltag kleiner Betriebe

Responsible Wool Standard, Mulesing, Tierwohl, das sind so Begriffe, die inzwischen in jeder zweiten Woll-Diskussion auftauchen. Und trotzdem merke ich immer wieder, dass viele gar nicht so genau wissen, was dahinter steckt und was das für kleine Betriebe konkret heißt. Ich bewege mich ja viel in dieser Bubble aus Hofschäfereien, Handfärberinnen und Wollläden im deutschsprachigen Raum und sehe da eine ziemliche Lücke zwischen den großen Siegel-Debatten und der Realität auf der Weide oder im Laden.

In diesem Text versuche ich, das ein bisschen zusammenzubringen. Was macht der Responsible Wool Standard überhaupt. Wo spielt Mulesing eine Rolle. Und warum du bei regionaler Wolle trotzdem genauer hinschauen solltest, aber vielleicht an anderen Stellen, als es der Markt gerade lautstark vorgibt.

Responsible Wool Standard und wofür er eigentlich gedacht ist

Über den Responsible Wool Standard bin ich das erste Mal so richtig im Rahmen einer Podcast-Recherche gestolpert. Auf dem Papier fand ich das Siegel sofort spannend. Es verfolgt das Ziel, Tierwohl stärker in den Mittelpunkt zu stellen und gleichzeitig die Herkunft der Wolle entlang der Lieferkette nachvollziehbarer zu machen. Außerdem schließt der Standard Wolle aus Mulesing aus. Gerade in einer international verzweigten Branche, in der Rohwolle oft mehrere Stationen durchläuft, ist das ein durchaus anspruchsvoller Ansatz.

Wenn du als Unternehmen mit Wolle aus verschiedenen Ländern arbeitest, kann so ein Standard richtig hilfreich sein. Erst recht, wenn du Garne aus Regionen einkaufst, in denen problematische Praktiken wie Mulesing eine Rolle spielen können. Für große Firmen, die weltweit einkaufen, ist RWS aus meiner Sicht deshalb ein sinnvoller Orientierungsrahmen. Für kleine regionale Betriebe wirkt das Ganze dagegen schnell ziemlich weit weg, weil ihre Lieferketten oft deutlich überschaubarer sind und nicht über mehrere Kontinente verlaufen.

Mulesing und warum der Begriff so oft falsch einsortiert wird

Mulesing begegnet mir in Gesprächen mit Betrieben wirklich oft. Fast alle Unternehmen, die regionale oder deutsche Wolle verkaufen, schreiben „mulesingfrei“ in ihre Produkttexte. Auf den ersten Blick klingt das gut, weil das Wort für viele ein rotes Tuch ist und stark mit Tierleid verbunden wird. Wenn du ein Garn aussuchst und das da liest, fühlst du dich erst einmal sicherer.

Das Verrückte ist nur. In Deutschland spielt Mulesing in der praktischen Schafhaltung keine Rolle. Die Methode entstand im Zusammenhang mit bestimmten Hochleistungs-Wollrassen, die vor allem in Australien und teilweise auch in Südamerika verbreitet sind. Dort sollte sie ursprünglich das Risiko eines Fliegenmadenbefalls verringern, wird heute aber aus Gründen des Tierwohls stark kritisiert. Die Schafrassen, die viele regionale Betriebe im deutschsprachigen Raum halten, sind davon in der Regel gar nicht betroffen. Wenn du also „mulesingfrei“ auf deutscher Wolle liest, ist das häufig eher eine Einordnung für Verbraucherinnen und Verbraucher als ein tatsächliches Unterscheidungsmerkmal innerhalb regionaler Wolle.

Warum kleine Betriebe selten RWS-zertifiziert sind

Eine RWS-Zertifizierung kostet Geld und Zeit. Du brauchst Strukturen, Dokumentation und im Zweifel mehrere beteiligte Glieder in der Kette, die alle mitziehen. In meiner Realität mit kleinen Betrieben sehe ich genau das kaum. Mir ist aktuell kein kleines Unternehmen mit wirklich regionaler Wolle bekannt, das RWS-zertifiziert ist. Das passt auch zu meinem Eindruck, dass sich der Standard vor allem an größere Unternehmen mit internationalen Lieferketten richtet.

Wenn du einen Hof mit eigener Herde hast, vielleicht eine kleine Spinnerei in erreichbarer Nähe und einen überschaubaren Vertrieb, dann steckst du dieselbe Energie oft lieber in direkte Transparenz. Viele zeigen ihre Tiere, ihre Weiden und erzählen offen, wie sie arbeiten. Das ist natürlich kein offizielles Siegel, aber eine andere Art von Nachvollziehbarkeit. Für dich als Kundin oder Kunde heißt das. Siegel wie RWS können eine gute Orientierung bieten, wenn du mit international gehandelter Wolle zu tun hast. Bei regionalen Produkten lohnt es sich meiner Meinung nach eher, nach konkreten Infos zur Herkunft, zu den Haltungsbedingungen und zu den beteiligten Betrieben zu fragen, statt nur auf Logos zu schauen.

Herkunft, Transparenz und was ich im eigenen Shop gelernt habe

Ich hatte bis 2022 einen eigenen Woll-Onlineshop. Wir hatten ausschließlich regionale Schurwolle im Sortiment. Herkunftsfragen waren dadurch irgendwie immer mit auf dem Tisch, aber eher unkompliziert, weil die Wege kurz waren. Bei der Wolle konnte ich sehr klar sagen, aus welcher Region sie kommt. Da war Mulesing nie ein echtes Thema, weil die Grundlage einfach andere Rassen und andere Haltungsbedingungen waren.

Spannender war das bei unserer Baumwolle, die aus Peru kam. Unser Produzent dort war so klein, dass wir extrem transparent arbeiten konnten. Wir konnten den nahezu kompletten Produktionsgang zeigen und kommunizieren. Rückblickend merke ich, wie wertvoll das war. Nicht nur für das Vertrauen nach außen, sondern auch für uns. Du bist gezwungen, deine eigene Lieferkette wirklich zu verstehen. Wenn du heute mit deinem eigenen Label startest oder im Laden Kuratierungen triffst, kann das ein guter Prüfstein sein. Kannst du den Weg deiner Garne so erzählen, dass sie nicht nur rechtlich sauber, sondern auch für dich selbst stimmig sind.

Tierwohl, Schur und das große Missverständnis

Beim Thema Tierwohl hat sich meine Grundhaltung durch fairewolle nicht geändert. Es war immer das Wichtigste und das bleibt es. Was sich aber geschärft hat, ist mein Blick darauf, wo die Missverständnisse liegen. Es gibt Menschen, die sich grundsätzlich darüber aufregen, dass Schafe geschoren werden. Ich verstehe emotional, wo das herkommt. Wenn du Bilder von schlechten Schurpraktiken siehst, zieht sich innen alles zusammen.

Gleichzeitig musst du wissen, dass viele der heute gehaltenen Wollschafrassen ihr Vlies nicht mehr selbst abwerfen. Durch jahrzehntelange Zucht wächst die Wolle kontinuierlich weiter. Ohne regelmäßige Schur kann das für die Tiere gesundheitliche Probleme verursachen. Genau deshalb gehört die Schur zu einer verantwortungsvollen Haltung dazu. Erfahrene Schererinnen und Scherer arbeiten in der Regel routiniert und möglichst stressarm für die Tiere. Für dich heißt das. Achte bei deiner Wolle auf glaubwürdige Infos zur Haltung, zur Schurpraxis und zur Art der Betriebe. Siegel können ein Baustein sein, aber sie ersetzen weder kritische Fragen noch den Blick auf die konkreten Menschen und Tiere hinter einem Garn.

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