Bei regionaler Schafwolle geht es oft mit einer ziemlich einfachen Frage los: Was passiert eigentlich mit der Wolle von den Schafen, die wir direkt vor der eigenen Haustür sehen? In Deutschland fallen jährlich rund 6.000 Tonnen Rohschafwolle an. Nach dem Waschen bleiben etwa 4.200 Tonnen nutzbare Wolle übrig. Trotzdem wird viel davon unter Wert genutzt oder entsorgt. Dabei gibt es längst Menschen und Initiativen, die konkrete Wege suchen und aufbauen.
Wiesenwolle München ist so eine Geschichte. Sie zeigt vieles, was bei regionaler Wolle typisch ist, aber eben auch, wie viel Bewegung entstehen kann, wenn jemand nicht nur über ein Problem redet.
Die Nähe zur Herde macht einen Unterschied
Bei Wiesenwolle München stammt die Wolle von rund 600 Merino-Landschafen, die auf der Münchner Panzerwiese weiden. Versponnen wird sie nicht vor Ort, sondern in einer Spinnerei in der Nähe von Hannover. Wichtig ist dabei, dass klar bleibt, wo die Wolle herkommt und wer die Schafe pflegt.
Genau das ist inzwischen bei vielen regionalen Initiativen typisch geworden. Menschen wollen wissen, aus welcher Herde ihre Wolle stammt, sie wollen die Wege verstehen und nicht nur ein Etikett lesen. Das ist toll. Ich lebe in Berlin und hätte die Schafe auf der Panzerwiese vermutlich nie entdeckt. Solche Projekte machen sichtbar, was sonst sehr leicht übersehen wird.
Besonders an Wiesenwolle München ist dieser konkrete Ort und die Geschichte dahinter. 2023 kaufte die Initiatorin spontan 1,8 Tonnen Rohwolle von einer Schäferin und suchte erst danach nach Wegen für die Verarbeitung. Das ist nicht der klassische Plan, der sauber in einer Mappe beginnt. Aber vielleicht entstehen gerade so Dinge, die sonst niemand angefangen hätte.
Grobe Wolle ist nicht einfach Restmaterial
Etwa 90 Prozent der in Deutschland anfallenden Rohschafwolle liegen im Bereich von 24 bis 40 Mikrometer. Gegen sehr feine Importwolle, etwa Merino für Kleidung direkt auf der Haut, ist sie international oft schwer konkurrenzfähig. Diese Beschreibung begegnet mir nicht erst heute. Sie war schon zu meiner Zeit mit dem Woll-Onlineshop ein Thema.
Ich glaube aber, grobe Wolle muss deshalb nicht ungenutzt bleiben. Man muss ihren Zweck kennen. Für einen robusten Pullover, eine Jacke oder als Füllung für eine Bettdecke brauche ich keine extrem weiche Merinowolle. Wir müssen aufhören, alle Wolle an einem einzigen Maßstab zu messen, nämlich daran, ob sie sich besonders weich anfühlt.
Genau hier setzen unterschiedliche Ideen an. Forschungsprojekte wie EnzyWo schauen auf Anwendungen für grobe und farbige Qualitäten. Die FNR verweist außerdem darauf, dass es Produktentwicklung, Vermarktung und passende politische Rahmenbedingungen zusammen braucht. Für dich als Käuferin oder Käufer heißt das auch: Schau nicht nur auf die Faserfeinheit. Frag, wofür ein Garn oder ein Wollprodukt gedacht ist. Eine Wolle kann für einen Zweck sehr passend sein und für einen anderen eben nicht.
Wenn jemand einfach anfängt
Der spontane Wollkauf bei Wiesenwolle München gefällt mir, weil ich diesen Impuls gut verstehe. Ich entdecke etwas, finde es toll und fange an. Anders habe ich fairewolle doch auch nicht gestartet. Nicht, weil von Anfang an alles fertig gedacht war, sondern weil ich etwas entwickeln wollte, das es so noch nicht gibt.
Das heißt nicht, dass Strukturen unwichtig wären. Im Gegenteil. Nach dem ersten Schritt kommen die schwierigen Fragen: Wer kann waschen, verspinnen, lagern oder weiterverarbeiten? Welche Mengen sind da? Wie lässt sich erklären, was mit dieser Wolle möglich ist? Die Thüringer Woll-Initiative bündelt Wollströme und baut Verarbeitungswege auf. Westfalenwolle, das Bildungsprojekt „Vom Hof zum Garn“, Weidewonne und die „Kollektion der Vielfalt“ verfolgen jeweils andere Schwerpunkte, etwa regionale Merinowolle, Landschaftspflegeschäfereien oder seltene heimische Schafrassen.
Ich glaube, alle diese Initiativen haben ihre Vorteile. Nicht jede muss dasselbe tun. Manche setzen bei Bildung an, manche bei Verarbeitung, manche bei einer bestimmten Herde oder Rasse. Wichtig ist, dass aus dem ersten Gedanken irgendwann ein Weg wird, den andere verstehen und mitgehen können.
Sichtbarkeit braucht Technik und Erklärung
Bei fairewolle gehen wir einen technischen Weg. Ich möchte etwas entwickeln, das es noch nicht gibt. Dieser Weg muss aber auch die Sicherheit geben, dass wir einen echten Mehrwert für Betriebe schaffen und Menschen zum Stöbern einladen. Das ist keine Konkurrenz zu anderen Initiativen, sondern eher ein Berührungspunkt. Die einen bauen regionale Verarbeitung auf, andere vermitteln Wissen, und fairewolle kann Informationen auffindbar und vergleichbar machen.
Wenn ich auf Einträge in der Wolle-Datenbank schaue, sehe ich bei Betrieben mit klarem regionalem Fokus immer wieder ähnliche Dinge. Sie machen ihre Herkunft sichtbar, sie teilen Wissen und sie zeigen, welche Möglichkeiten regionale Wolle hat. Regionale Wolle anzubieten, ohne sie zu erklären, funktioniert nicht wirklich.
Die geplante Kampagne „Wolle aus Deutschland“ soll Herkunft sichtbarer machen und Wertschöpfung im Land halten. Ich finde, jeder Betrieb mit regionaler Wolle sollte solche Initiativen mitnehmen und nutzen. Meist sind es nur ein paar Minuten, um dabei zu sein, und es ist eine weitere Chance für mehr Erfolg. Natürlich ersetzt eine Kampagne keine Verarbeitungskapazitäten und keine guten Produkte. Aber sie kann helfen, dass die Frage nach Herkunft überhaupt öfter gestellt wird.
Wir brauchen gute Produkte, Wissen, technische Wege und Menschen, die einfach anfangen. Und wir sollten weiter zeigen, dass regionale Schafwolle mehr sein kann als ein Material, das nach der Schur übrig bleibt.
Liebe Grüße
Daniel
fairewolle
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